Ein Tag in Karlštejn

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Was soll man über Burg Karlštejn sagen? Sie ist die größte, wichtigste und schönste Burg, die Kaiser Karl IV. (zugleich König Karl I. von Böhmen) bauen ließ. Sie liegt in schöner Umgebung über der Berounka bei Weinbergen, die der Kaiser dereinst anlegte. Sie ist in jedem Fall einen Besuch wert!

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Holzvertäfelung im Thronsaal

Nun ja, besuchen tun viele Ausflügler und Touristen aus Tschechien und der restlichen Welt den Ort, der nur 20-25 Kilometer von der Prager Stadtmitte entfernt liegt. Wenn man einen Besuch während der Hauptsaison im Sommer plant, sollte man im Netz schon etliche Wochen vorher eine Führung buchen. Außerhalb der Saison ist der (immer noch große) Touristenfluss so professionell geregelt, dass der Besuch problemlos verläuft.

Und diesen Besuch sollte man sich, wie gesagt, nicht entgehen lassen. Karl IV., der für viele Tschechen pater patriae ist,  begann den Bau der Burg im selben Jahr, in dem er die IMG_9347.JPGPrager Universität gründete, nämlich 1348. In mehreren Stufen zog sich der Bau bis 1365 hin. Der Monarch machte sie geradezu zum Zentrum seines Reiches. Er ließ seine Insignien, die sogenannten Reichskleinodien hierhin bringen und natürlich seine obsessiv aufgebaute Reliquiensammlung. Nach dem Tode seines Sohnes und Nachfolgers Wenzel geriet die Burg in die Wirren der Hussitenkriege nach 1420. Die kaiserlichen Kleinodien und alles, was dazugehörte wurden evakuiert. Eine Belagerung durch die Hussiten konnte 1422 erfolgreich abgewehrt werden, weil der Burggraf klugerweise 1800 Jauchefässer

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Sankt Nikolauskapelle

gesammelt hatte, die er von oben auf die heranstürmenden Feinde warf. Das war Abschreckung der abschreckendsten Sorte! Kaiser Rudolf II. lies die Burg im späten 16. Jahrhundert noch einmal ausbauen und wollte ihr zu altem Ruhm verhelfen, aber das gelang nur kurzfristig. Die letzten wichtigen kaiserlichen Wertsachen wurden 1619 herausgeschafft. 1620, kurz nach der Niederlage in der Schlacht am Weißen Berge, wurde die einst stolze böhmische Burg kampflos den katholischen Fremdherrschern des Hauses Habsburg übergeben. 1648 eroberten im Zuge des Dreissigjährigen Krieges die Schweden die Burg, nur um kurz darauf aufgrund des Friedenschlusses wieder abzuziehen.

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Thronsaal (Holzvertäfelung)

Ihrer einstigen Bedeutung beraubt, verfiel die Burg langsam. Erst im 19. Jahrhundert fing man mit der Renovierung an. Insbesondere in den Jahren 1887 bis 1899 führte der berühmte Architekt und Spezialist für Neogotik Josef Mocker eine Totalüberholung durch, die das Gebäude noch mittelalterlicher als das Mittelalter erscheinen ließ und das heutige – äußerst pittoreske – Aussehen prägte. Das gilt insbesondere für das eigentliche Wahrzeichen der Burg, den Großen Turm, der mit 25 x 17 Meter Grundriss tatsächlich bombastisch aussieht.

In der Hochsaison werden drei Touren angeboten, die einen Einblick ins Innere erlauben, von denen Tour 2 die wohl sehenswerteste ist, weil sie die 1357 geweihte Kapelle des Heiligen Kreuzes im Obergeschoss des Großen Turms beinhaltet. Weil sie so

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Karls Bett (echt gotisch)

klein ist, gibt es nur kleine Besuchskontingente. Jetzt im Winter ist sie ganz geschlossen und das Ziel unseres nächsten Ausflugs hierhin.

Tour 1 (die einzige, die in der Wintersaison im Angebot ist) entschädigt aber voll und ganz. Man sieht unter anderem den Rittersaal mit der Sankt Nikolauskapelle und das königliche Schlafzimmer mit dem Originalbett Karls IV. – eine gotische Holzschnitzarbeit vom Feinsten.

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Thronmodell im Hellen

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Thron im Dunkeln

Hinzu kommt der Audienz- oder Thronsaal, der durch seine schöne Vertäfelung aus Holz aus der Renaissance besticht und in dem auch der hölzerne Thron steht – und zwar so, dass das Gesicht des Königs im Schatten blieb, er aber die Besucher sehen konnte. Das ließ sich naturgemäß, wie man sieht, schlecht photographieren. Gottlob stellte der Souvenirshop im Turm eine kleine, zierliche Kopie (unverkäuflich!) in einer gläsernen Vitrine aus.

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In der Schatzkammer

Und dann folgen noch unter anderem der große Speisesaal und die berühmte Schatzkammer im ersten Stock des Turmes, der eine nicht sehr überzeugende Kopie der Krone zeigt, aber auch Reliquien und andere Stücke an Sakralkunst – zum Teil aus Zeiten lange nach Karls glorreicher Herrschaft.

Karl verfolgt einen in der Burg natürlich überall – selbst da, wo man es nicht erwartet und wo der Kaiser sonst auch zu Fuß hingeht. Betritt man die öffentliche Toilette, steht er plötzlich vor einem. Auf dem Weg in die Kabine hält der Kaiser (oder besser: eine moderne Statue von ihm) dem Besucherdie offene Hand hin, so als ob er um seinen Obolus für die Kloreinigung bittet. So schnöde muss man auch im demokratischen Zeitalter nicht mit Monarchen seines Kalibers umgehen, denkt man sich bevor man sein Geschäft erledigt.

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„Zehn Kronen, bitte! Und Händewaschen nicht vergessen!“

Die unfreiwillige Komik der Szene kann und darf nicht davon ablenken, dass uns Karl IV. mit seiner Burg Karlštejn alleine schon etwas Großes hinterlassen hat, und dass niemand seine historischen Verdienste für dieses Land in Frage stellt.

Wir waren jedenfalls nicht das letzte Mal hier, denn es wartet noch vieles auf seine Entdeckung in dieser Burg. Danke Karl! (DD)

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