Karl und die Kommunisten

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Wer in die Metro-Station Karlovo náměstí (Karlsplatz) einsteigt, geht im Vestibule an einem gigantischen (und leider sehr schlecht beleuchteten) Mosaik vorbei. Abgebildet darauf ist Karl IV.. Das ist für sich nichts Ungewöhnliches. Der Kaiser des Deutschen Reiches und König von Böhmen ist seit jeher für alle Tschechen der „otec vlasti“ – der Vater des Vaterlands. Es machte Prag zu einem internationalen Kulturzentrum, zur Reichsmetropole, gründete die erste Universität und ließ die Karlsbrücke und die Neustadt bauen.

IMG_9293Was ist also so besonders an dem Mosaik, das hier am Karlsplatz Leben und Zeiten Karls darstellt? Es ist das Datum. Es wurde mit der Eröffnung der Metro-Station im Jahre 1985 dem interessierten Publikum erstmals vorgestellt. Das war noch zur Zeit des Kommunismus und der Künstler war Radomír Kolář, der als Maler gleich mehrmals den nach dem ersten kommunistischen Regierungschef der ČSSR benannten Klement-Gottwald-Staatspreis erhalten hatte.

IMG_9292In den 80er Jahren befand sich der Kommunismus allerdings schon in einer schweren Legitimationskrise. Die versuchte man in vielen Ostblock-Staaten dadurch zu überwinden, dass man Versatzstücke nicht-kommunistischer Vergangenheit, die aber positiv besetzt waren, für sich reklamierte. In der „DDR“ gab es in dieser Zeit zum Beispiel eine Renaissance der zuvor verpönten Preußen.

Der gute Karl war natürlich ein Stück Geschichte, mit dem sich Tschechen ausgesprochen gut identifizierten. Also reklamierte das Regime ihn irgendwie für sich – und das Mosaik ist ein Ausdruck davon. Richtig geklappt hat das aber nicht. Karl und der Kommunismus waren dann doch Dinge, die nicht zusammenpassten. Der Kaiser mag sich bei dem Gedanken unruhig in seinem Grab im Veitsdom umgedreht haben, denn er war des Kommunismus‘ sicher völlig unverdächtig. Und den Kommunismus selbst rettete das Ganze auch nicht. Er war schon vier Jahre später, im Jahr 1989, am Ende.

IMG_9294Trotzdem ist das Mosaik selbst durchaus sehenswert. Kolář war ein handwerklich begabter Künstler. Natürlich entfernte er sich nicht völlig vom sozialistischen Realismus, weshalb er am linken Rand eine kleine Gruppe armer Bettler eingefügt hat (kleines Bild unten links), um zur richtigen Bewusstseinsbildung beizutragen. Aber im Großen und Ganzen hält es sich an eine (modernisierte) mittelalterliche Bildsprache, die zu einer Darstellung Karls durchaus passt. Und sie stellt, wie das große Bild oben zeigt, seine größte Leistung in Prag in den Mittelpunkt, nämlich die Gründung der nach ihm benannten Karls-Universität von 1348. (DD)

 

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