In den Sandstein gemeißelt

IMG_7901Keine halbe Stunde Autofahrt nördlich von Prag – also gerade richtig für einen Tagesausflug – liegt die kleine Stadt Liběchov. Der Ort zeichnet sich durch einen einstmals prachtvollen, jetzt aber heruntergekommenen Kern aus. Das gleiche gilt für das Schloss, das beim großen Hochwasser 2002 schwer beschädigt wurde. Einem früheren Schlossherren, Anton Veith, verdankt man aber eine ganz besondere Attraktion in der schönen Umgebung des Ortes, nämlich herrliche Sandsteinskulpturen. Veith war Förderer der Künste, darunter nicht zuletzt die Bildhauerei. Und so konnte man sich denn auch auf seinen Ländereien und im Wald als Bildhauer so richtig kreativ austoben.

Die Geologie des Ortes war dabei äußerst hilfreich. Während in und um Prag noch recht bröckeliges Schiefergestein die Felslandschaften prägt, beginnt bei Liběchov jenes Sandsteingebirge, das sich dann nördlich in die Sächsische Schweiz fortsetzt. Die IMG_7879Sandstein-Felsen, die manchmal fast unmotiviert im Wald liegen, eignen sich ungemein für bildhauerische Bearbeitung.

Einige der vielen Highlights, die man auf dem angenehm begehbaren blau-weiß markierten Wanderweg sehen kann, seine hier gezeigt. Da ist zunächst einmal die von Václav Levý ermeißelte Magdalenenkapelle (Kaple sv. Máří Magdalény). Levý war ein Autodidakten als Bildhauer,IMG_7877 brachte es aber später zu hohen akademschen Ehren. Er war unter anderem der Lehrer von Josef Myslbek, dem bedeutendsten tschechischen Bildhauers des Historismus und Schöpfers der Reiterstatue auf dem Wenzelsplatz.

Von 1840 bis 1845 dauerte die Arbeit des von Veith geförderten Künstlers an der Kapelle. Sie wurde nämlich aus einem einzigen Stück Sandstein herausgeschnitten und innen mit feinen Ornamenten versehen. Das beeindruckt den Betrachter schon, wenn er davorsteht.

IMG_7883Wenig entfernt sieht man die Felsrelief der „Harfenistin“ mit seltsamen Gesichtern und einigen Sitznischen und Räumen, die in den Stein gehämmert wurden. Kurz darauf kommt die ebenfalls von Levý entworfene „Schlange“, die sich mächtig, aber elegant um den Fels schlängelt.IMG_7886

Weiter östlich auf der anderen Seite des Tals finden sich die beiden beeindruckendsten Felsskulpturen. Als erstes sieht man die riesigen Teufelsköpfe (Čertovy hlavy). Sie wurden 1841 bis 1846 ebenfalls von Levý gestaltet, der damit seinen untrüglichen Sinn für die dunklen Seiten der Kunst der (Schauer-) Romantik IMG_7897bewies. Die unheimlichen und über 10 Meter hohen Köpfe (links), die ebenfalls aus einen Stück gehauen wurden, überschauen die schöne Landschaft über dem kleinen Ort Malý Hubenov, ganz nahe bei Liběchov.

Dann steigt man den Berg hinab – wieder Richtung Liběchov. Dort kommt das künstlerische Highlight der örtlichen Sandsteinromantik. Die von Levý in den späten 1840ern entworfene „Klácelka“ (benannt nach dem nationalliberalen Schriftsteller und Philosophen František Matouš Klácel) ist eine Grotte mitten im dunklen Wald, die mit allerlei mythischen Tiersymbolen ausgestattet ist. Im Mittelpunkt stehen aber zwei große Reliefs mit Ritterfiguren. Sie stellen die hussitischen Heerführer und IMG_7903Nationalhelden Jan Žižka und Andreas Prokop aus dem 15. Jahrhundert dar (großes Bild oben). Die Steinmetzarbeit ist hier wesentlich feiner und detailreicher ausgeführt als bei den umliegenden Skulpturen. Die Grotte mit ihrer düsteren Ausstrahlung und ihrem nationalen Pathos hat ihrerseits Künstler inspiriert und ist Gegenstand etlicher romantischer Gemälde.

Vieles blieb hier unerwähnt oder wurde aus Zeitmangel von uns gar nicht aufgesucht, etwa die Sphinx, die Zufluchtshöhlen aus dem Dreißigjährigen Krieg und so weiter. Aber die kann man ja besichtigen, wenn man das nächste Mal in Liběchov ist. Ist ja nicht weit weg… (DD)

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