Yo-ho-ho und ne Buddel voll Tuzemák!

tuzemakShakespeare – und der kann sich ja nicht irren – schreibt im Wintermärchen von den „Küsten Böhmens“ (Akt 3, Szene 3: „A desert country near the sea.“). Ingeborg Bachmann, die ebenfalls keine geringe Autorität sein dürfte, verfasste ein Gedicht mit dem Titel Böhmen liegt am Meer. Auch tschechische Autoren bestätigen es, hat doch der berühmte Schriftsteller Karel Čapek in seinem Roman Der Krieg mit den Molchen mit Käpt’n Vantoch einen Seebären aus Jevičko (eine Stadt an der mährischen Küste) als einen der Hauptcharaktere erkoren. Das können ja alles keine Zufälle sein!

PragerHafen

Prag ohne Fake-News: „Der Altstädter Hafen“, Gemälde von Svatopluk Námořník, 1878 (Man beachte die Tuzemákfässer vorne an der Kaimauer)

Wir gewöhnen uns anscheinend mittlerweile an alle möglichen Fake News, wenn sie nur lange und oft genug wiederholt worden sind. Zu ihnen gehören selbstredend auch ge-fakte „Landkarten“, auf denen Tschechien als ein von Festland umschlossenes Binnenland dargestellt wird. Welcher Beweise (neben dem Zeugnis großer Literaten) bedarf es denn noch, um zu zeigen, dass Tschechien selbstredend ein Küstenland voller salzwassergegerbter Seebären ist? Die Leute begrüßen sich mit „Ahoj“, was ganz eindeutig nur Seeleute tun. Der Präsident heißt Zeman, was ja nur die tschechische Schreibweise für „Seemann“ ist. Selbst Filmemacher wissen die kunstvolle Tradition des mährischen Schiffsbaus zu schätzen, der auf kleine seetüchtige Boote fokussiert ist. Und, und, und …

Ja, und dann ist da noch die typisch tschechische Liebe zu dem Getränk aller Seefahrer, dem Rum! Ihr eigener Rum ist der Tschechen ganzer Stolz.

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Die tschechische Handelsflotte ankert vor Prag. Die Matrosen sind längst von Bord und treiben sich in den Rum-Tavernen der Stadt herum.

Schon ihr literarischer Nationalheld, der gute Soldat Šveijk ist begeisterter Rumtrinker – es wurde sogar eine Rummarke nach ihm benannt. Und landet die Hochseeflotte der tschechischen Handelsmarine (České obchodní loďstvo) in Prag am Kai, fließt auch heute noch in den Hafenkneipen das Getränk  hektoliterweise in Strömen.

Womit wir beim Thema dieses Beitrags wären. Dass es tschechischen Rum gibt, haben wir überhaupt erst Ende 2015 erfahren, als wir vor unserem Umzug uns mal in Prag umschauten und in einer Weinbar ebendiesen auf der Getränkekarte fanden. Eigentlich durfte er da schon nicht mehr als „tschechischer Rum“ verkauft werden. Aber das war egal: Uns schmeckte er auf Anhieb!

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April 2009: Spezialagenten einer Taskforce der EU-Kommission vernichten in Smíchov vorschriftswidrig als „Rum“ bezeichnete Spirituosen

Denn: Als die Tschechische Republik 2004 in die EU eintrat, traten auch neue bürokratische Vorschriften zu Lebensmitteln in Kraft. Eine davon (genauer: EU-Verordnung 110/2008, Annex III) besagt, dass man nur aus Zuckerrohr oder Zuckermelasse gefertigten Rum auch Rum nennen dürfe. In Tschechien wächst aber kein Zuckerrohr. Früher hatten ja viele Länder Kolonien, wo selbiges in Massen wuchs. Aber das Habsburgerreich, dem man in alten Zeiten noch angehörte, verfügte nicht über solchermaßen gesegnete überseeische Besitztümer.

In Kakanien half man sich damit, dass man Rum aus Kartoffeln oder Rüben produzierte, den man mit allerlei künstlichen Aromen auf „Rumgeschmack“ trimmte. In Österreich nannte man das Resultat Inländer-Rum. Was damit gemeint war, war jedermann klar, sodass der Zweck der EU-Regelung (Verhinderung von Kundentäuschung) durchaus hinterfragt werden kann. „Richtigen“ Rum hingegen nannte man „Ausländer-Rum“. Im Tschechischen wiederum nannte man den Inländer-Rum Tuzemák – und als Tuzemák wird er heute auch in der Regel (ohne den früheren Zusatz „Rum“) verkauft. Die Auswahl an Marken ist groß. Man findet sie massenhaft in jedem Lebensmittelladen. Das große Bild oben zeigt nur einen kleinen Ausschnitt des Angebots (eben halt das, was man so gerade im Schnapsschrank hat).

Aber ein Volk von Seebären, wie es die Tschechen nun einmal sind, liebt das urtümliche und raue Getränk ganz besonders in unverfälschter Hausmacherart. Sich seinen eigenen Tuzemák zu brennen, ist ein weit verbreiteter Brauch in den Küstenregionen, aber auch im Hinterland. Dafür nimmt man auch hohe Risiken  (weitere Berichte hier und hier) für Leib und Leben in Kauf – meist Methylvergiftungen.

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Piratenlegende und Tuzemáktrinker: Der in Prag geborene Seeräuberhauptmann Jindřich „Černovous“ Opilec, genannt der Schrecken der Mährischen See. Zeitgenössischer Stich, um 1695

Aber die Tuzemák-Schwarzbrennerei ist nun einmal Teil eines alten Traditionserbes aus der Zeit der mährischen Piraten, die an den trügerischen Klippen am Golf von Olomouc seit dem späten 17. Jahrhundert heimtückisch ungarischen Handelsschiffen auflauerten – ein übles Treiben, dem die Österreichische Marine erst 1869 in der Seeschlacht von Malá Koupel ein Ende setzte. Den nunmehr arbeits- und perspektivlosen Piraten blieb am Ende nur ein Leben in Trunksucht und selbstgebranntem Tuzemák – und ein unsterblicher Mythos von der Freiheit auf hoher See, den die Tschechen bis heute an ihren kleinen Privatdestillerien zelebrieren.

Nun denn: Vor dem im Laden käuflich erwerbbaren Rum Tuzemák sollte man sich aber nicht fürchten. Im Gegenteil: Man sollte ihn probieren, um ihn lieben zu lernen. Bei Blindtests soll er, laut Wikipedia, geschmacklich gegenüber dem „echten“ Rum voll mithalten. Und das kann man ruhig glauben!

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Typische Prager Rumkneipe. Ecke Záhřebská/Americká in Vinohrady

Alle unsere deutschen Freunde (inklusive der qualitätsbewussten und trinkfesten Studentenfreunde unserer Tochter), die bisher zu Besuch kamen, fanden das Getränk überaus „kultig“ und besorgten sich im nächsten Laden gleich einen kleinen Vorrat davon. Der Geschmack ist angenehm süß und mild und orientiert sich eher an den weicheren Rums aus den französischen Karibikkolonien denn an den „englischen“ harten Varianten (z.B. Jamaikarum). Es gibt auch weißen Tuzemák und Tuzemáks mit bisweilen seltsamen (manchmal aber auch originellen) Geschmackszusätzen, wie z.B. Mandel oder die nur saisonal erhältliche Sorte „Wintergewürze“ (Zimní speciál).

Wer nach Prag reist, sollte auf jeden Fall sich ein oder zwei Fläschchen davon als Souvenir mit nach Hause nehmen und dort mit einem kraftvollen „na zdraví“ auf die große tschechische Seefahrernation anstoßen und dabei alte tschechische Seeräuberlieder zum Besten zu geben. (DD)

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