Gastronomie in Gotik

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In der Nähe der Altstadt kommt das nur selten vor, aber das U Pinkasů (Jungmannovo nám. 15/16 in Praha 1) gehört tatsächlich zu den wenigen gastronomischen Betrieben dort, wo nicht nur Touristen, sondern auch eine erkleckliche Anzahl von Einheimischen einzukehren pflegt. Vor allem im Sommer. Wenn die Biergartensaison ist.

Das Restaurant – ein klassizistisches Gebäude des frühen 19. Jahrhunderts –  steht nämlich direkt neben der nicht vollendeten IMG_6947Kirche St. Maria Schnee (Kostel Panny Marie Sněžné). Der 1347 unter Karl IV. als die größte Kirche Prags geplante Bau blieb ein Fragment. Das Hauptschiff (das immer noch recht groß ist) wird als Gotteshaus genutzt. Das Seitenschiff zum Jungmann-Platz befindet sich jetzt außerhalb der Kirche und hat den freien Himmel über sich (siehe großes Bild oben). Und heute ist es der allbekannte Biergarten des U Pinkasů – eingeklemmt zwischen Restaurant und Außenwand der Kirche.

IMG_6940Dieser Biergarten ist es, der im Sommer hauptsächlich die Gäste anlockt und heute wohl auch die Popularität des U Pinkasů begründet. Er gehört schlichtweg zu den schönsten der Stadt. Strebepfeiler, Rund- und Spitzbögen und Bleiglasfenster ragen neben den Tischen empor. Man lebt – mit einem frisch gezapften Bier auf dem Tisch – quasi wieder im Mittelalter der Zeit der Luxemburger Dynastie und kann das Himmelsstreben gotischer Sakralarchitektur auf sich einwirken lassen. Ja, der gute Ruf des Hauses besteht zurecht!.

Dabei taucht man recht abrupt von der klassischen Moderne aus in die mittelalterliche IMG_6930Welt ein. Geht man nicht durch das Restaurant, sondern nimmt den Garteneingang zum Biergarten, kommt man an einer einzigartigen kubistischen Straßenlaterne vorbei, die um 1912 hier aufgestellt wurde, wohl um den Zechern auch im Dunkeln den Weg zum Bier zu weisen. Sie wurde von den beiden kubistischen Architekten und Designern Emil Králíček und  Matěj Blecha entworfen.

Und wie sieht es denn nun mit Bier und Kulinarik? Beginnen wir mit dem Bier. Auf der Website wirbt man damit, dass man das beste Bier der Welt serviert. Da ist man zunächst verdutzt, wenn man eigentlich in der Hauptsache jenes Urquell aus Pilsen vorgesetzt kriegt, das man überall in Prag IMG_6936bekommt, und das immer mehr die lokalen Kleinbrauereien verdrängt (das im Vordergrund abgebildete Dunkelbier, das ich mir bestellte, ist allerdings von Kozel). Aber das hat seinen Grund und das Urquell ist hier tatsächlich aus historischen Gründen richtig am Platze!

Als 1843 der zum Wirtsfach übergewechselte Schneider Jakub Pinkas (nach dem das Lokal benannt ist, obwohl seither öfters den Besitzer gewechselt hat) die Pforten seiner Gaststätte eröffnete, war er der erste Gastwirt, der überhaupt in Prag diese Biersorte kredenzte. Mit soviel Tradition im IMG_6942Rücken schmeckt das Urquell (Hintergrund, von meiner Frau getrunken) hier natürlich viel besser und angemessener als es das anderswo tut!

Die Kulinarik im Biergarten ist traditionelle und einfache Biergartenkosten. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Die eingelegte Wurst – eine urtschechische Snack-Spezialität, die auch Utopenci (Wasserleichen) genannt wird – mundete jedenfalls vorzüglich. Eigentlich IMG_6937genau das, was man an einem Sommertag zum Bier möchte. Der Service ist fix. Bier und Speisen werden schnell und frisch serviert.

Drinnen, wo man im Winter sitzen muss, ist die Kulinarik immer noch traditionell böhmisch, aber doch abwechslungsreicher und verfeinerter. Es gibt mehrere Gasträume (genauer: 5) Gasträume für jeden Bedarf, die sich auf die drei IMG_6945Etagen verteilen. Aber der Biergarten ist letztlich dann der ganz große Hit!

Geht man wieder heraus, fallen einem die ungewöhnlichen Kratzer im Gemäuer der Kirche auf. Eine Tafel am Eingang klärt einen auf, dass die Kirche in den Hussitenkriegen um 1420 als Zentrum radikaler Hussiten heftig umkämpft gewesen war, und dass es sich um Kratzer handle, die von den damals benutzten Waffen herrührten. Legende oder Wirklichkeit? Schwer zu sagen. (DD)

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