Zierliche Unterhaltung prä-digital

IMG_6908Hoch oben über dem Kinski-Garten nahe dem Petřin-Turm findet man ein Unterhaltungsetablissement noch ganz im Stil der guten alten Zeit, die sich zumndest hier wirklich so gut präsentiert, wie man sie sich in der oft trügerischen Erinnerung ausmalt. 1891 fand in Prag die große Landes-Jubiläumsmesse statt, in der Wirtschaft und Industrie des Habsburgerreichs zeigten, was sie konnten. Aus IMG_6907diesem Anlass erbaute der Zimmermanns- und Baumeister Matěj Bílek zur Unterhaltung der Besucher ein prunkvoll ausgeschmücktes Spiegel-Labyrinth.

Nähert man sich von weitem, so denkt man zunächst, es stünde ein spätmittelalterlicher Turm im typischen Prager Stil der Zeit Karls IV. vor einem. Man kann sich kaum vorstellen, dass dies einmal eine Werbeveranstaltung für die fortgeschrittene Industrielle Revolution war, und dass das Ganze von einer damal recht modernen Stahlkonstruktion getragen wird.

Die Touristen heute lieben das Labyrinth trotzdem oder deswegen auch heute noch so, IMG_2418wie sie es damals taten – die langen Schlangen am Eintritt können nicht täuschen! Der erste Eindruck, wenn man in das eigentliche Labyrinth eintritt, ist: Ach, wie niedlich. Die Spiegel sind ganz im Stile viktorianischer Neogotik in vergoldete Holzrahmen mit Spitzbogen eingerahmt. Sie verwirren ein gar nicht so großes Gewirr von Gängen noch einmal, weil man nie weiß, ob die nächste Abbiegung oder der nächste Durchgang auch das sind, was man denkt. Es sind simple, nach heutigen Maßstäben unspektakuläre Spielereien, die aber ihre unterhaltende Wirkung nicht verfehlen. Da ist nichts digital, keine wilden Sound- und Lichteffekte stören die Beschaulichkeit dieses zierlich ausgearbeiteten Irrgartens.

IMG_2422Ist man hindurch, so kann man sich in einem Spiegelkabinett mal zwergenhaft, mal langgezogen, mal dick, mal dünn, mal sonstwie verzerrt bewundern. Im Herzen des Gebäudes ist noch ein historisch lehrreiches Diorama zu sehen. Es stellt eine Episode des Dreissigjährigen Kriegs dar. Als 1648 – kurz vor dem Ende des Krieges – die Schweden in die Stadt einrücken, stellten sich auf der Karlsbrücke die Studenten der Karls-Universität ihnen in den Weg. IMG_2420Das 80 Quadratmeter große Gemälde wurde von Malerbrüdern Adolf und Karel Liebscher gemalt. Nicht nur das Schlachtgetümmel ist interessant, sondern vor allem der Hintergrund, der sehr detailgetreu zeigt, wie Prag wohl im 17. Jahrhundert ausgesehen haben mag.

Die Landesausstellung fand allerdings nicht auf dem Petřin statt, sondern im etwas östlicher gelegenen Stadtteil Holešovice. Als die Austellung dort ihre Pforten schloss, waren die Bürger immer noch so begeistert, dass man dass Labyrinth nicht abriss, sondern an seinem heutigen Platz wieder aufstellte.

Leider ist das, was da aufgestellt wurde, nicht mehr das gesamte Pavillon. Insbesondere die vielen Dioramen sind – bis auf das zuvor erwähnte – verloren gegangen. Aber auch das, was jetzt geboten wird, stellt jeden Besucher mehr als  zufrieden. (DD)

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