Architektur mit Akkustik (und Gruseleffekten)

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Nicht wenige Prager meinen, dass die Basilika St. Jakobus der Ältere (Bazilika sv. Jakuba) die Kirche mit der besten Akkustik in Prag sei. Deshalb finden hier neben den Gottesdiensten auch auffallend viele gute Musikveranstaltungen statt. Wir haben es IMG_6834kürzlich ausprobiert (Johann Sebastian Bach stand auf dem Programm) und fanden: Ja, das stimmt. Ein Konzert hier ist ein Hörgenuss!

Dazu trägt sicher schon die Grundform des Baus bei – ein  langes schmales Schiff (das drittlängste in Prag) mit nur kleinen Seitenschiffen. Kuppeln oder Querschiffe, die zusätzlich Schall reflektieren können, um so einen „Klangbrei“ zu produzieren (so leider der Fall hier), findet man hier nicht.

Der ursprüngliche Bau wurde als Kirche eines Minoritenklosters im Jahre 1232 errichtet. Der Grundriss entstammt im wesentlichen dieser Bauphase. Nach etlichen kleinern Umgestaltungen (vor allem im 14. Jahrhundert) und einem zerstörerischen Brand im Jahre 1689 führte der Architekt Jan Šimon Pánek eine Neugestaltung ganz im Sinne des Barock durch. 1702 war der Bau fertiggestellt. IMG_6854Was der Akkustik hilft, war für den Barockarchitekten eine Herausforderung: Der lange, vom mittelalterlichen Bau vorgegebene schmale Raum. Im Barock liebte man große offene Räume. Dieses Problem löste Pánek auf elegante Weise. Durch eine rhythmische Anordnung von Pilastern, die sich in der vorderen über zwei und der hinteren Raumhälfte über drei Stockwerke (Bild rechts), erzielte er eine atemberaubende barocke Raumwirkung, die das Innere der Kirche wie eine grandiose Theaterbühne wirken lässt.

IMG_6845Die Innenausstattung, die hauptsächlich 1736 – 1739 entstand, hat es auch in sich. Es gibt 20 Altäre, von denen der Hauptaltar der beeindruckendste ist (siehe Bild links). Diese sind mit unzähligen Gemälden ausgeschmückt, die von den Künstlern Jan Jiří Heinsch, Václav Vavřinec Reiner und Petr Brandl gemalt wurden.

Unzählige schön bemalte barocke Heiligenfiguren mit reichlicher Vergoldung schmücken den Innenraum, der mit künstlichem Marmor vertäfelt ist. Man IMG_6874könnte bei dieser Menge ein kleines „Heiligenraten“ veranstalten, denn nicht immer kommt man darauf, welcher Heilige oder welche Heilige denn hier jeweils dargestellt sind.

Dann fällt noch im linken Seitenschiff das monumentale Grab von Jan Václav Vratislav z Mitrovic auf, der unter dem Habsburgerkönig Josef I. als Hofkanzler von Böhmen diente. Es wurde von einem der berühmtesten Architekten und Bildhauer der Zeit, IMG_6844Johann Bernhard Fischer von Erlach, gestaltet. Dass es so massiv steinern daherkommt, mag dem Beerdigten zum Verhängnis geworden sein. Es heißt nämlich, er sei dort 1712 lebendig begraben worden und habe sich durch den Marmor nicht mehr herauskämpfen können. Sein Klopfen im Sarg hielt man für einen Spuk, der nach mehrtägigen, vermeintlich wirksamen Gebeten auch aufhörte. Ein elender Tod war das – und eine Geschichte, die bei jedermann Phobien à la Edgar Allan Poe wecken könnte.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, sich einmal umzudrehen und sich den Eingangsbereich anzuschauen. Während der Architekt im Hauptraum mit vielen geraden Linien gespielt hat, findet man hier oben in den Balkonen die typisch barocken Verkrümmungen.IMG_6850.JPG

Aber das fällt nicht sofort auch, weil es dort einen anderen, großartigen Blickfang gibt: Die Orgel. Original wurde sie von Abraham Starka 1705 entworfen. Seither hat es einige Modernisierungen und Rekonstruktionen gegeben, aber der Gesamteindruck ist noch der des Originals (siehe goßes Bild oben). Und der ist gigantisch. Die reichhaltig ausgeschmückte Orgel verfügt über vier Manuale, 91 klingende Register und 8.277 Pfeifen. Dieses kleine Video vermittelt wenigstens so halbswegs, wie es sich anhört und anfühlt, wenn auf dieser Orgel in dieser Kirche Bachs Toccata und Fuge in d-Moll (BWV 565) ertönt – so wie wir es kürzlich erlebten. Man sollte es mal mitgemacht haben.

IMG_6921Ach ja, war die Geschichte von dem lebendig begrabenen Kanzler Mitrovic noch nicht gruselig genug? Nun denn, die Jakobusbasilika hat noch mehr zu bieten: Im Jahre 1400 brach ein Dieb in die Kirche ein, um sich dort an den Kirchenschätzen zu vergehen. Als er wieder verschwinden wollte, erschien die Jungfrau Maria, so sagt man, um ihn an einem Arm festzuhalten. Ob das stimmt, ist Glaubensfrage. Aber auf jeden Fall wurde er gefasst und besagter Arm wurde ihm abgehackt, was damals wohl die übliche Strafe für versuchten Kirchenraub war. Den Arm hing man dann an einer Kette rechts neben dem Eingang auf, wo er langsam munifizierte. Dort hängt er auch immer noch als Mahnmal für alle Besucher der Kirche, sich brav und ehrbar zu verhalten. (DD)

 

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