Held für alle Fälle

img_2329

Unter den drei großen Gründern der Tschechoslowakei 1918 (die anderen waren Masaryk und Beneš)  war er der einzige Slowake. Das hat seinem Nachruhm in Tschechien keinen Abbruch getan. Milan Rastislav Štefánik (1880-1919) hatte das Zeug zum Volkshelden. Schon als Student schloss er sich einer liberalen slowakischen Nationalbewegung an, wanderte 1912 nach Frankreich aus und kämpfte unter der Trikolore im Ersten Weltkrieg.

Als Mitglied des neuen tschechoslowakischen Nationalausschusses sorgte der talentierte Diplomat unter den Alliierten mit dafür, dass die Tschechoslowakei ihre künftige Unabhängigkeit nach der Niederlage Österreich-Ungarns erhalten und bewahren konnte. Militärisch organisierte er als General in Frankreich die Tschechische Legion, die auf Seiten der Alliierten an allen Fronten kämpfte. Bald war er der Verteidigungsminister der Exilregierung.

Sein Tod 1919 ist von vielen Legenden umgeben. Der begeisterte Pilot fand nahe Bratislava den Fliegertod. Es tobte zu dieser Zeit der Krieg zwischen den Nachfolgestaaten des k.u.k.-Reichs, Ungarn und der Tschechoslowakei, um die Zugehörigkeit der slowakischen Gebiete, die zuvor ungarisch waren. Gerüchte kursieren, dass er von ungarischen Truppen abgeschossen wurde, oder dass die eigenen Truppen ihn vom Himmel holten, weil sie das Hoheitszeichen des italienischen Militärflugzeugs, das er flog, mit dem des Kriegsgegners Ungarn (beide rot-weiß-grün) verwechselten. Oder war er gar Opfer einer regierungsinternen Verschwörung? Heute ist man sich weitgehend sicher, dass er wohl Opfer einer technischen Panne wurde. Indes, das Weiterbestehen der Gerüchte hat den geradezu mythischen Nachruhm Stéfaniks noch weiter vertieft.

Großer Politiker und Fliegerheld – als ob das nicht schon genug gewesen wäre. Aber das Bild bliebe unvollständig, wenn man zu erwähnen vergäße, dass er auch noch ein berühmter Astronom war, der am Pariser Observatorium studierte, zahlreiche Beobachtungsexpeditionen in die südliche Hemisphäre unternahm, Forschungspreise gewann und Mitglied der britischen Royal Astronomical Society wurde.

Deshalb steht das kleine Denkmal (großes Bild oben) des Politikers in der Pilotenkluft auch vor dem 1930 fertiggestellten und nach ihm benannten Stéfanik-Observatorium auf dem Petřinberg. Das Denkmal ist ein Werk des Bildhauers Bohumil Kafka, dem die Stadt u.a. das große Reiterdenkmal des hussitischen Heerführers Jan Žižka verdankt. Das Denkmal wurde 1938 geschaffen und in Bratislava aufgestellt. Hitler ließ es 1940 abbauen und die Kommunisten um 1970 einschmelzen. Was jetzt hier steht, ist eine exakte Kopie, die 1994 in Gegenwart des tschechischen Staatspräsidenten eingeweiht wurde. Die Tatsache, dass es eine Kopie ist, tut der Zuneigung der Menschen zu Stéfanik keinen Abbruch, denn Menschen legen ihm hier immer noch Blumen zu Füßen. (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s